Frauen und Paare, die an
einem Mind-Body Programm
teilnehmen, sind gelassener
und haben nachweislich
bessere Bewältigungs-
fähigkeiten im Umgang mit
psychischen Belastungen.

Stress gehört zu unserem Alltag und hat zunächste keinen direkt nachweisbaren Einfluß auf die Fertilität. Chronischer Stress dagegen, etwas in Form von beruflicher Daueranspannung, einer gestörten "Life-Work-Balance" und Umweltfaktoren (Rauchen, Alkohol, zu wenig oder zu intensiver Sport, ungünstige Ernährung) kann allerdings mit zu ungewollter Kinderlosigkeit führen.

Stress wird subjektiv sehr unterschiedlich erlebt - je nachdem, welche Bewältigungsfähigkeiten die Betroffenen in bestimmten Situationen "abrufen" können. Umso wichtiger ist es, gerade in Vorbereitung auf eine Reproduktionsmedizinische Behandlung, ggf. entsprechende Fähigkeiten zu erlernen. Die emotionalen Herausforderungen einer solchen Behandlung werden meist unterschätzt und führen dann schlimmstenfalls zu einem vorzeitigen (und unnötigen) Abbruch der Behandlung aus Gründen der persönlichen Überforderung, zu länger anhaltenden depressiven Verstimmungen und sog. Anpassungsstörungen.

Es ist inzwischen durch zahlreiche Studien auch empirisch nachweisbar, daß chronischer Stress negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel, das Immunsystem und das komplexe Zusammenspiel der Geschlechtshormone hat. Stress ist ein "ganzheitliches" Phänomen mit Auswirkungen auf der geistigen, seelischen und körperlichen Ebene. Stresshormone, insbesondere Adrenalin und Cortisol, führen zum Teil in Sekundenbruchteilen zu physiologischen Stressreaktionen. Hormone sind Botenstoffe des Körpers, die alle wichtigen physiologischen Prozesse steuern. Das Zusammenspiel dieser "Steuerungsinstrumente" kann man sich als komplexe Rückkoppelungsprozesse vorstellen. Gut funktionieren diese Abläufe, wenn der Körper ein physiologisches Gleichgewicht halten kann; bei normalen Stressreaktionen wird z. B. der Adrenalinüberschuss einfach wieder abgebaut, "man beruhigt sich". Chronischer Stress dagegen ist Ausdruck eines auf Dauer schädlichen Ungleichgewichts zwischen An- und Entspannung. Im Zusammenhang mit Stress und Infertilität spielt zudem bei Frauen das Prolaktin eine besondere Rolle, da seelischer wie auch körperlicher Stress zu einer ungünstigen Erhöhung des Prolaktinspiegels führen kann. Die Folgen sind meist Zyklusprobleme bzw. eine reduzierte Eizellreifung bis hin zu einem fehlenden Eisprung. Bei Männern ist dieser Zusammenhang noch eindeutiger; hier läßt sich chronischer Stress deutlich im Spermiogramm nachweisen, weswegen auch meist eine zeitversetzte Vergleichsuntersuchung angeordnet wird.

Zwar kann man die negativen Folgen von chronischem Stress medikamentös beeinflussen. Wenn Sie z. B. unter stressbedingtem Bluthochdruck leiden, wird Ihr Arzt Ihnen vielleicht sog. Betablocker verschreiben, die dazu führen, daß bestimmte Rezeptoren des Sympathischen Nervensystems für Stresshormone "blockiert" werden (vgl. www.medikamente/onmeda.de). Weniger bekannt ist, daß Sie das physiologische Ungleichgewicht ebenso wirkungsvoll - wenn auch langsamer und mit mehr Eigenaufwand - über Entspannungsverfahren wie das Autogene Training oder die Progressive Muskelentspannung, über eine entsprechende Ernährungsumstellung (z. B. Insulintrennkost) und über eine verhaltentherapeutisch fundierte kognitive Umstrukturierung negativer Denkmuster - nebenwirkungsfrei und nachhaltig - verbessern können. Ähnliches gilt für die physiologischen Abläufe im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit, Empfängnis und Schwangerschaft. Dies heisst nicht, daß Sie auf eine medizinische Abklärung Ihrer individuellen Situation verzichten sollten, aber es eröffnet Ihnen viele Möglichkeiten einer komplementären Behandlung Ihrer Symptome, und gibt Ihnen somit ein Stück Kontrollmöglichkeit zurück.

Insbesondere Frauen und Paare, die sich in reproduktionsmedizinischer Behandlung befinden, profitieren daher sehr von einer Teilnahme an einem multimodalen Stressbewältigungsprogramm. Aber auch wenn Sie Ihre Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft optimieren wollen, wird Sie dieses Programm unterstützen und bereichern.

Iris Wieg, Dipl.-Soziologin,
Systemische Therapeutin (IGST)
zertifizierte Beraterin der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung
(BKiD e. V.) www.bkid.de

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